Generationeninterview

Wir denken langfristig, in Generationen

Seit 2015 ist mit Max Viessmann die vierte Generation im Unter­nehmen vertreten. Als Co-CEO leitet er heute gemeinsam mit Joachim Janssen die Geschicke der weltweiten Viessmann Familie. Ihm zur Seite steht – mit all seiner Erfahrung aus 40 Jahren operativer Verantwortung – Vater Martin als Chairman. Im Doppelinterview erzählen beide, wie sie mit der Kraft von zwei Genera­tionen die Viessmann Unternehmensgruppe in die Zukunft führen.

Das Bild zeigt Prof. Martin und Max Viessmann im Gespräch.

Als Inhaber eines Familienunternehmens mit mehr als 12.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tragt ihr eine enorme Verantwortung. Wie geht ihr mit dieser Rolle um?

Martin Viessmann: Verantwortung empfinden wir zunächst im klassischen Sinne gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, unseren Partnern und Kunden. Doch da endet sie für uns nicht. Als Familienunternehmen haben wir eine natürliche Nähe zur Nachhaltigkeit. Wir wollen dazu beitragen, die Erde als lebenswerten Ort für zukünftige Generationen zu erhalten.

Max Viessmann: Deshalb haben wir vor zwei Jahren unseren Purpose neu definiert: “We create living spaces for generations to come.” Dieser Verantwortung stellen wir uns gemeinsam mit unseren Partnern aus dem Handwerk.

Mit einem Generationswechsel ist immer auch ein Kulturwandel verbunden. Wie habt ihr diesen Wandel erlebt?

Martin Viessmann: Der erste umfassende Wandel für mich war die Übernahme des Unternehmens von meinem Vater. Das war damals sehr herausfordernd. Er war der klassische Gründer, ein genialer Kopf, der die Firma ganz auf sich zugeschnitten hatte. Bei der Neuausrichtung Anfang der 90er Jahre ging es vor allem darum, Viessmann internationaler aufzustellen. Daneben haben wir die Verantwortung auf mehr Schultern verteilt. Den aktuellen Wandel erlebe ich aber als noch gravierender.

Max Viessmann: Wir befinden uns mitten in einem Jahr­hundertwandel. Die Energiewende und vor allem auch die Digitalisierung verändern nicht nur unser Unternehmen, sondern die gesamte Gesellschaft. Wir müssen unsere Unternehmensfamilie für diese Themen begeistern, wir müssen sie aktiv einbeziehen und mitnehmen.

Martin Viessmann: Zur DNA unserer Firma gehört es, Risiken als Chancen zu sehen, mutig in die ungewisse Zukunft zu blicken. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, die Kommunikation mit unseren Mitarbeitern ist dabei von entscheidender Bedeutung. Und auch an dieser Stelle hilft uns die Digitalisierung mit völlig neuen Möglichkeiten der Kommunikation und der Weiterbildung.

Wie transportiert ihr eure Botschaften innerhalb der Organisation?

Max Viessmann: Es geht darum, unsere drei zentralen Werte „verantwortlich, teamorientiert und unternehmerisch” mit Leben zu füllen. Zu erklären, was wir wertschätzen, was jeder Einzelne dazu beitragen kann und wie wichtig dieses gemeinsame Werteverständnis für die Umsetzung der Strategie ist.

Martin Viessmann: „Wir gestalten Lebensräume für zu­künftige Generationen”. Das „wir“ umfasst nicht nur Max und mich, sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserer großen Viessmann-Familie. Wir wollen sie dazu ermutigen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie können und müssen ihren Beitrag dazu leisten, unseren Purpose mit Leben zu füllen.

Wie erkennt ihr, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da mitgehen und ob eure Kommunikation ankommt?

Max Viessmann: Wir messen jeden Monat den Puls der Firma. Das tun wir über eine online durchgeführte Mitarbeiterbefragung und in unseren sogenannten “State of the World Meetings”, bei dem alle 12.700 Familien­mitglieder online dazugeschaltet sind. Wir adressieren sämtliche offenen Punkte und helfen dabei, die Werte zu leben. Denn nur mit dem richtigen Kontext kann man auch die richtigen Entscheidungen treffen.

Wäre es nicht manchmal viel einfacher, das Unternehmen zu verkaufen, als ein Experiment zu wagen, ohne den Ausgang zu kennen?

Max Viessmann: Unser Generationswechsel ist kein Experiment, sondern eine Entscheidung mit Herz und Verstand. Wir sehen uns mit der Kraft zweier Generationen erstklassig aufgestellt, diese ungewisse Zukunft zu meistern und Chancen zum Vorteil des Unternehmens zu nutzen.

Martin Viessmann: Wir sehen es aber natürlich auch emotional. Mein Großvater hat das Unternehmen gegründet, mein Vater hat es aufgebaut und ich habe es fortgeführt. Die Triebfeder ist eine tief empfundene Verantwortung für dieses Familienerbe. 

Neben der Entwicklung von Klima- und Energie­lösungen beteiligt ihr euch auch in großem Umfang an anderen Unternehmen, vor allem aus der Start-up-Szene. Seid ihr noch ein mittel­ständisch geprägtes Familienunternehmen oder schon eine Art Familieninvestor? Oder anders gefragt: Wie viel Kerngeschäft braucht Viessmann?

Martin Viessmann: Wir sehen weiterhin ein riesiges Potenzial in unserem Kerngeschäft, und es ist absolut unentbehrlich, wenn wir in unseren Unternehmenspurpose mit Leben füllen wollen.

Max Viessmann: Daneben halten wir es für sinnvoll, weitere Geschäftsfelder zu erschließen und über den Tellerrand zu schauen. Deshalb beteiligen wir uns an Start-ups, die unsere Themen und Werte teilen, und gründen auch eigene. Das Grundbedürfnis der Menschen nach Wärme wird aber immer ein wichtiger Eckpfeiler unserer Strategie bleiben.